Fantasien über Gayropa: Kunst und Politik

Neues Nationalverständnis und Regime-Kunst Russlands

von Saltanat Shoshanova, Berlin; Übersetzung aus dem Englischen von Pelageya Kadnikova

2003 vertrat ein berühmtes quasi-lesbisches Duo namens „Tatu“ Russland beim Eurovision Song Contest. Dieses Duo verkörperte Freiheit und die Hoffnung auf ein besseres Morgen der russischen Gesellschaft nach dem Fall der UdSSR, den drastischen 1990ern und der Entkriminalisierung von Homosexualität (Zinatulin, 2015). Zehn Jahre später produziert die Punkgruppe „Pussy Riot“ das Musikvideo „Chaika“ (Pussy Riot, 2016) mit dem Refrain „Ich bin ein Patriot“. In dem Song singen die Mitglieder über das heutige Russland, in welchem aufgrund von Präsident Wladimir Putins konservativen Politikstrategien Patriotismus, orthodoxer Glaube und Hass gegenüber Gayropa überhandnahmen und sich die ehemaligen Erwartungen nicht bewahrheitet hatten.1

Anton Novoselov, Flickr, CC BY 2.0
Graffiti in Jekaterinburg: Conchita Wurst steht in Russland symbolisch für ‚Gayeurope‘, Foto: Anton Novoselov, Flickr, (CC-BY-2.0)

Die Wortschöpfung Gayropa setzt sich hierbei aus den Wörtern gay und Europa zusammen und mokiert die europäische Toleranzhaltung gegenüber Homosexualität.2 In den letzten Jahren stieg die Sichtbarkeit und Häufigkeit dieses abwertenden Begriffs im russischen Internet und in der Medienlandschaft kontinuierlich an. Ein augenscheinliches Beispiel für dessen Verwendung ist Lena Klimovas3 Fotografieprojekt namens „Beautiful People and the Things They Say to Me” (Klimova, 2016). Klimova ist die Gründerin von Children-404, einer Online-Supportgruppe für russische LGBT4-Jugendliche.

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Im Zusammenhang mit diesem Projekt ist sie im russischen sozialen Netzwerk VKontakte zur Zielscheibe von zahlreichen Drohnachrichten geworden. Bei dieser Arbeit kombinierte sie die Hasstiraden ihrer Verleumder mit deren Profilfotografien. Dabei enthielten die Aussagen häufig den Begriff Gayropa: „Nein zu Gayropa!“, „Wie viel hat dir Gayropa für den sexuellen Missbrauch dieser Kinder gezahlt?“, „Schwule sind keine Russen, Schwule sind unter Russlands Würde“.

Aus diesen Aussagen kann abgeleitet werden, dass der Begriff Gayropa im Verständnis einiger Bevölkerungsgruppen nicht nur die Toleranz Europas gegenüber sexuellen Minderheiten beinhaltet, sondern auch den generellen Verfall von Nationaltraditionen, Geschlechterrollen, Werten und Demokratie im Allgemeinen. Gayropa wird als das Gegenstück zum Russentum wahrgenommen, welches zusätzlich vom russischen Nationalverständnis untermauert wird. Dieses Verständnis kann in folgenden Worten erklärt werden: russischer Nationalismus, Orthodoxie und die Rückbesinnung auf traditionelle Werte (Ovseenko, 2010).

Dieses Konzept wird von Putin befürwortet, welcher 2005 offiziell erklärte, dass Russland das größte „orthodoxe Reich“ wäre (Putin, 2016). In einer Ansprache vor der Föderationsversammlung im Jahr 2012 bezeichnete er Russland als eine „Staatenzivilisation“, welche sich nicht an ihre Umwelt anpassen würde und von dem Rest der Welt abgetrennt ist (Putin, 2012). Darüber hinaus scheint sich Russland die spezielle Mission auf die Fahnen geschrieben zu haben, eben diesen Rest der Welt von Devianz und Verfall erretten zu wollen.

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Dieser Artikel erschien in der Printausgabe Ost Journal 02/2017: Alte und neue Grenzen in Europa. Wenn Sie das Ost Journal durch ein Abonnement unterstützen, erhalten Sie unsere Artikel in der Printausgabe und gehören zu den ersten Leserinnen und Lesern.

Diese politische Grundausrichtung des Landes wird dementsprechend in staatlichen Museumseinrichtungen propagiert. Zahlreiche Ausstellungen, die in der Moskauer Manege – einem staatlichen Ausstellungsraum – abgehalten wurden, präsentierten in direkter Konsequenz die Kreation einer neuartigen Nationalmythologie durch das verzerrte Prisma romantisierender Fantasien über die sowjetische Vergangenheit.5 Darüber hinaus existieren auch Kunstwerke, die nicht bloß die Werte des Regimes widerspiegeln, sondern eine erweiterte eurasische Zukunftsvision des Landes aufzeigen.

Abb. 1 Alexey Belyaev-Gintovt,1 55° 45‘ 13.65“ N, 37° 37‘ 15.91“ E, Holz, Composite-Lack, Digitaldruck mit UV-härtenden Farben 100 × 129 cm, 2012.
Abb. 1 Alexey Belyaev-Gintovt,1 55° 45‘ 13.65“ N, 37° 37‘ 15.91“ E, Holz, Composite-Lack, Digitaldruck mit UV-härtenden Farben 100 × 129 cm, 2012.

Alexey Belyaev-Gintovt illustriert in seiner Arbeit mit dem unaussprechlichen Titel „55° 45′ 20.83″ N, 37° 37′ 03.48″ E“ – die exakten geografischen Koordinaten des Roten Platzes in Moskau – Russlands Kolonialambitionen (Belyaev-Gintovt, 2014). Die Zukunft der eurasischen Zivilisation mit Moskau als ihrer Hauptstadt zeichnet der Künstler in alter Sowjettradition in Rot- und Goldtönen: Cyber-Moskau ist voll von Wolkenkratzern, Pyramiden, Jurten und fliegenden Transportmitteln in der Form von Kreml-Sternen. Gleichzeitig hat Cyber-Moskau die geschichtsträchtige Christi-Himmelfahrts-Kirche in Kolomenskoje beibehalten, den Roten Platz, den Turm an der Kotelnitscheskaja Uferstraße und weitere Türme im Zuckerbäckerstil (Abb.1). Durch einen Appell an die Nostalgie um die sowjetische Vergangenheit unterstützt der Künstler somit das neue Regime und fügt sich nahtlos in die Pro-Putin-Propaganda ein.

 

Russlands innerstaatliche Homophobie

Die Künstlergruppe Voina wurde durch ihre skandalöse Performance vom 7. September 2008 bekannt, bei der sie in der Moskauer Filiale der Supermarktkette Auchan eine Hinrichtung von zwei homosexuellen Männern und drei zentralasiatischen Gastarbeitern nachgestellt hatte, um somit gegen die homo- und xenophoben Aussagen des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow zu protestieren (Voina, 2012). Einige der Gruppenmitglieder hielten Schilder mit den Aufschriften „Wir wollen keine Schwulen!“, „Dunkle, ab nach Hause!“, „Moskau gebührt Ehre!“. Laut Aussage eines Gruppenmitglieds seien Homosexuelle und Migranten als Vertreter derjenigen Minderheiten ausgewählt worden, die in der russischen Gesellschaft am häufigsten von öffentlicher Diskriminierung betroffen wären. Ihre Teilnahme an der Aktion solle verdeutlichen, dass gleiche Rechte für Minderheiten ein essenzielles Element einer freien Gesellschaft wären, welche an diesem Tag symbolisch „gehängt“ wurde (Seroefioletovoe, 2012).

Mein Fokus liegt hierbei nicht auf der Verkörperung einer freien Gesellschaft, sondern in der Darstellung einer Minderheit, die für die Existenz und Herausbildung einer jedweden Mehrheit benötigt wird, als einer Gruppe mit klar definierten Abgrenzungsmerkmalen. Nikolai Vinnik identifiziert die Zielgruppe solcher Hasstiraden seitens der staatlichen Autoritäten als erwachsene, russische, orthodoxe, heterosexuelle Männer, in direkter Widerspiegelung der Hauptpostulate des politischen Nationalverständnisses, und konstatiert schlussfolgernd, dass die tolerierte öffentliche Verhetzung von Minderheiten – die ohnehin massiven Sanktionen durch die Regierung ausgesetzt sind – als eine Art „Trostpreis“ für ökonomisch unterprivilegierte Männer gilt (Vinnik, 2009). Der einzige Weg des Staates, um eine überhandnehmende Unzufriedenheit oder Emigration der Mehrheit der in Armut lebenden Männer in Russland zu verhindern, ist es, in erster Linie ein Bild von einem devianten Europa zu zeichnen, indem Homosexualität und Pädophilie als miteinander verbunden dargestellt werden. In einer zweiten Maßnahme werden tagtäglich öffentliche „Hinrichtungen“ und Verhetzungen von Minderheiten veranstaltet, um die Masse hiermit kompensatorisch bei Laune zu halten.

 

Das Anti-Propaganda-Gesetz

Im Jahr 2013 erließ die russische Staatsduma ein Gesetz, welches die Verbreitung von Propaganda von nicht traditionellen sexuellen Beziehungen an Minderjährige verbot. Von diesem Zeitpunkt an musste jede Referenz in den öffentlichen Medien, die eine positive Konnotation nicht traditioneller sexueller Beziehungen enthielt, mit der Altersbeschränkung „ab 18“ gekennzeichnet werden. Bei Nichtkennzeichnung erfolgt eine Geldstrafe oder Haft mit bis zu 15 Tagen.

Selbst nach der Veröffentlichung des Erklärungsdokumentes, welches das Konzept von nicht traditionellen sexuellen Beziehungen als Homosexualität, Lesbischsein, Bisexualität und Transgender erklärte, beinhaltet der Gesetzestext unklare Formulierungen bezüglich der Definition von Propaganda und dessen, was im Konkreten als positive Konnotation zu deuten wäre (Wilkinson, 2014).

Abb. 2 LGBT-Gruppe „Coming Out“, Poster mit Pjotr Tschaikowski, 2012.
Abb. 2 LGBT-Gruppe „Coming Out“, Poster mit Pjotr Tschaikowski, 2012.

Diese Unklarheit erlaubt es Richtern und Polizeibeamten, das Gesetz willkürlich und nach ihrem eigenen Ermessen anzuwenden.6 Aus Zweifel erfolgten nach dessen Inkrafttreten mehrere Fälle von Selbstzensur. Zum Beispiel weigerte sich die Werbeagentur Outdoors, Plakate zu verbreiten, die von LGBT-AktivistInnen konzipiert worden waren und die Fotografien von prominenten Vertretern der russischen Kultur mit Zitaten aus ihren Briefen abbildeten, die von ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung zeugten.7 Es hätte eine Fotografie von Pjotr Tschaikowski mit folgendem Zitat aus einem Brief an seinen Bruder gezeigt werden sollen: „Ich bin verliebt, so, wie ich es lange nicht mehr war! Kannst Du erraten in wen? Er ist von mittlerer Größe, blond und hat wundervolle braune Augen“ (Abb. 2).

Kunstprojekte, die die privaten Erfahrungen von russischen LGBT-Personen zeigen, sind dünn gesät. Im Grunde beschränken sich diese auf Video- und Fotoprojekte mit dem Ziel, einem heterosexuellen Publikum das menschliche Gesicht dieser Individuen zu zeigen. Folgende Projekte zeugen von diesem Vorgehen: „My magazine for few“ (1995) von Gennady Ustiyan, „Moscow“ (2008) von Yevgeniy Fiks, „Be yourself: the history of LGBT teens“ (2015) von Maria Gelman und Dmitry Roy (Abb. 3) und das Video „Break the silence“ (2015) der Coming Out-AktivistInnengruppe.8 Leider bleiben diese Werke weitgehend unbekannt und nur einem kleinen Kreis Interessenten in der Kunstwelt vorbehalten.

Im politischen Bereich ist eine ähnliche Situation zu vermerken: Trotz der großen Resonanz, die das Gesetz verursachte, spielte die liberale Opposition keine Rolle in der LGBT-Bewegung und überließ den Kampf ganz den AktivistInnen und Menschenrechtsorganisationen (Kondakov, 2013). Es bekennen sich ebenso nur wenige Personen dazu, die Bewegung öffentlich zu unterstützen oder sogar selbst homosexuell zu sein. Darüber hinaus wäre laut Brian James Baer die Ablehnung von LGBT-Aktivismus zentral für das politische Selbstverständnis der russischen Opposition. Laut ihm ist sowohl die Mehrheits- als auch die Oppositionskritik von LGBT-Aktivismus identisch: Sie erschwert es in beiden Fällen, LGBT-Aktivismus als einen Teil von russischer Nationalität zu sehen (Baer, 2013). Auch die Plakate, die von Outdoors zensiert wurden, sind nichts weiter als ein Versuch, dem Antagonismus von LGBT-Identität und russischer Nationalidentität zu entkommen. Die vorherrschende binäre Opposition, die den post-sowjetischen Diskurs zu Minderheitsaktivismus organisiert, ist nämlich nicht homo- vs. heterosexuell oder gay vs. queer, sondern das Russische, als universell, spirituell und intellektuell gesehen, gegen das Westliche – egoistisch, materialistisch und vulgär.

Abb. 3 Maria Gelman und Dmitry Roy, Poster für die Ausstellung „Be yourself: the history of LGBT teens”, 2015.
Abb. 3 Maria Gelman und Dmitry Roy, Poster für die Ausstellung „Be yourself: the history of LGBT teens”, 2015.

 

Es gehören immer zwei dazu

Putins Pressestrategie fokussiert häufig seine persönliche Maskulinität in einem scheinbaren Versuch, Russland und dem Rest der Welt zu zeigen, dass dem Land in der internationalpolitischen Arena Respekt gezollt wird, solange es nur unter seinem Schutz steht (Wood, 2011). So wird der Präsident mit freiem Oberkörper beim Reiten oder Fischen abgebildet, ein anderes Mal rettet er einen von einem Tiger angegriffenen Journalisten oder nimmt sogar an Judo-Wettkämpfen teil. Die europäische und nordamerikanische Popkultur ist voll von Parodien auf Putins Hypermaskulinität: ein groteskes Abbild von Putin in der amerikanischen Serie House of Cards, Sketche in Talkshows, sogar eine weibliche Version des Reiterfotos von Chelsea Handler. Selbst europäische Museumseinrichtungen nahmen daran teil: In der Ausstellung „Ganymed Dreaming“ des Kunsthistorischen Museums Wien im Jahr 2014, wurde ein Libretto namens „Putin“ präsentiert, eine unterhaltsame Parodie auf dessen Machismo.9

Robert Kulpa analysierte die kulturelle Hegemonie des westeuropäischen liberalen Rechtsmodells als universell und konstatiert, dass mittel- und osteuropäische Länder ständig als das Objekt der westlichen/europäischen „Freiheitspädagogie“ gehandhabt und permanent als postkommunistisch, in einem anhaltenden Status von Transition, daher homophob und nicht liberal genug dargestellt werden. Russland wird im europäischen Diskurs traditionellerweise als einer von Europas vielen Gegenpolen verstanden und so wird ihm der Status „des Europäischen“ verweigert. Kulpa wirft in seiner Forschung diesbezüglich folgende legitime Frage auf: „Wie kann garantiert werden, dass ein an und für sich nobles Vorhaben – anderen in einer Notlage zu helfen, ihnen in einer Solidarität auf Augenhöhe beizustehen – nicht in eine hegemoniale und orientalisierende Manifestation von Machtspielen zwischen dem Westen und dem Rest überschwenkt?“ (Kulpa, 2014)

Hierarchiegefälle bezüglich der Toleranz existieren auch in westeuropäischen Ländern. Um sich vor der europäischen Nachbarschaft als tolerant und homophil darzustellen, werden innerstaatliche Probleme und Homophobie unterdrückt (Neufeld und Wiedlack, 2015). Österreich zum Beispiel besitzt eine tendenziell konservative politische Landschaft, in der LGBT-Personen immer noch für gleiche Rechte kämpfen; dennoch wurde Conchita Wurst nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest zum Aushängeschild  österreichischer Toleranz. Der Wunsch, die eigene Toleranz in der politischen Arena zu demonstrieren, ist nichts Verwerfliches per se, jedoch nur, wenn unter der glitzernden Oberfläche auch entsprechende Reformen vorgenommen und Sexualität und Gender nicht nur für egoistische Imagezwecke in kulturpolitischen Schlachten benutzt werden.

 

Die Möglichkeit eines Konternarrativs

Die oben genannten künstlerischen Praxen unterstützen entweder Putins Vision von Russland oder bestreiten seinen Diskurs um Gayropa. Dieses geschieht hauptsächlich durch eine wortwörtliche Inszenierung der Termini, die Teil der folgenden etablierten metonymischen Kette sind: Russland, Devianz, Homosexualität, Gegenpol etc. Es ist daher unabdingbar, die (Un)Möglichkeit einer Produktion von Konternarrativen und Diskursen zu beleuchten, und nicht nur ein Ironisieren, Übertreiben oder Aufheben der Begriffe, die von Putins Lager im Umlauf gebracht werden, zu praktizieren, sondern komplett neue Realitätsbedingungen zu produzieren.

Der Weg der „politischen Quasi-Indifferenz“ wurde von den Gründern der Monstration-Veranstaltungen, welche jedes Jahr am 1. Mai in verschiedenen Städten Russlands stattfinden, gewählt. Zeitgleich zu den etablierten May-Day-Demonstrationen, findet die Monstration ohne ein vorab festgelegtes Szenario statt. Stattdessen werden Slogans benutzt, die von den TeilnehmerInnen des Projekts selbst erfunden wurden. Die sich auf den Bannern befindenden Sprüche sind mehrheitlich absurd und apolitisch, wie z.B.: „Die dunkle Seite hat keine Kekse“, „Für die Rechte der Schmetterlinge im Bauch“. Beizeiten tauchen jedoch dezidiert politisch positionierte Poster auf. Als die Krim-Krise begann, war der patriotische Pro-Putin-Slogan „Krim Nash“ (Die Krim gehört uns) weit verbreitet. Das gleiche Jahr wurde auf der Monstration-Veranstaltung ein Banner mit der sich reimenden Aufschrift „Ad Nash“ (Die Hölle gehört uns) gesichtet (Abb. 4). Demgemäß kommt die Monstration einer Art von Happening oder Spielveranstaltung gleich.

Abb. 4 Yana Kolesinskaya, Fotografie von Monstration 2014 mit dem Hauptbanner „Ad Nash“ (Die Hölle gehört uns).
Abb. 4 Yana Kolesinskaya, Fotografie von Monstration 2014 mit dem Hauptbanner „Ad Nash“ (Die Hölle gehört uns).

Der Soziologe Alexander Kondakov analysierte die Protestbewegungen Russlands im Winter 2011/2012 durch die Position von Judith Butler und beschreibt, dass diese Proteste durch ihre Beschaffenheit als eine Art von queer-Protest bezeichnet werden könnten. Ebenso kann die Monstration-Bewegung als eine solche eingeordnet werden, da dabei eine etablierte normative Ordnung durch das Kreieren neuer Werte in einem vorherrschenden System untergraben wird, anstatt nach den üblichen gängigen politischen Regeln vorzugehen.10 Nichtsdestotrotz bringt diese politische Neukonfiguration keine neuartigen politischen Kollektividentitäten hervor, sondern basiert auf dem subjektiven Akt der Gegenüberstellung von Subversion und Normativität. Das Ziel eines solchen Protestes wird durch ständige Kreativität und unaufhörliche Infragestellung des Status quo erreicht, um neue Formen des Widerstands zu generieren.

 

Conclusio

In den letzten Dekaden verschob sich die Opposition zwischen Russland und Europa zu einem Diskurs der Differenzen um Sex, Sexualität und Gender. Patriotismus und seine kleine Schwester Xenophobie tragen maßgeblich zur Umformulierung des neuen Nationalverständnisses Russlands bei. Aus dem Blickwinkel eines durchschnittlichen russischen Staatsbürgers wurde aus Europa Gayropa, welches nunmehr den Niedergang und den Verfall der europäischen Gesellschaft und ihrer Werte charakterisiert.

In diesem Kontext erscheint Russland als das potenzielle Opfer von devianten europäischen Einflüssen und gleichzeitig als potenzieller Retter und Behüter der wahren konservativen christlichen Werte. Europa bleibt hierbei jedoch nicht außen vor und bemüht sich, dem Rest der Welt Toleranz und westliche Werte beizubringen. Diese noble Mission birgt jedoch die Gefahr, schnell kolonialen Charakter anzunehmen und in diesem Zusammenhang sogar homosexuelle BürgerInnen als Schutzschilder in politischen Auseinandersetzungen zu gebrauchen.

Wie bereits festgestellt wurde, benutzt Putin Staatsmuseen, um traditionelle Werte zu propagieren. Des Weiteren beschäftigt sich autoritätskritische Kunst entweder aus einer Position der Selbstreflexion heraus mit Themen wie dem Anti-Propaganda-Gesetz oder der Verbannung von Sexualität aus dem öffentlichen Diskurs im Allgemeinen, oder benutzt alternativ dazu Homosexualität entweder als ein Mittel zur Demaskulinisierung von Autoritäten oder zur Dekonstruktion traditioneller Bilder, um den Antagonismus von homosexueller Identität und russischer Nationalität zu durchbrechen.

Kunstprojekte, die sich mit der Thematik privater Erfahrungen russischer LGBT-Personen befassen, zielen mehrheitlich darauf ab, einem heterosexuellen Publikum die menschliche Seite dieser Individuen vorzustellen. Abschließend kann gesagt werden, dass Konternarrative zum hegemonialen politischen Diskurs entweder durch eine vorgetäuschte politische Indifferenz oder durch queere Happenings, die darauf abzielen, die lange beständige Gedankenkette von Russland, Devianz, Homosexualität, Gegenpol, etc. zu durchbrechen, produziert werden. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass wenn Kunst und Kreativität dazu beitragen, die etablierte Ordnung zu untergraben, vielleicht der Moment näher rückt, in dem Russland aufhört, ein Gayropa zu fantasieren und gay gänzlich von Europa trennt.

Anmerkungen

1 Mehr über die konservative Wende in Putins Politik siehe: Francesca Stella und Nadya Nartova, Sexual Citizenship, Nationalism and Biopolitics in Putin’s Russia, In: Sexuality, Citizenship and Belonging: Trans-National and Intersectional Perspectives. Stella, F., Taylor, Y., Reynolds, T., Rogers, A. (Hrg.), Routledge 2016.

2 Europa bezieht sich hierbei in erster Linie auf Westeuropa, wobei Osteuropa nicht mehr von dem Diskurs ausgeschlossen werden kann. Ein ähnlicher, aber weniger bekannter Begriff wäre Eurosodom, eine Zusammensetzung aus Europa und Sodom.

3 Im Deutschen wurden einige bekannten Namen in der häufiger gebrauchten Form transliteriert, wie z.B. Nadya anstelle von Nadia.

4 LGBT steht für Lesbian, gay, bisexual und transgender.

5 Der Titel des ersten lautet z.B. Romantic Realism. Sowjetisches Gemälde von 1925-1945 und das zweite heißt Orthodoxes Russland. Russland: meine Geschichte. Von großen Schocks zum großen Sieg. 1914-1945.

Literatur

Francesca Stella und Nadya Nartova, Sexual Citizenship, Nationalism and Biopolitics in Putin’s Russia, In: Sexuality, Citizenship and Belonging: Trans-National and Intersectional Perspectives. Stella, F., Taylor, Y., Reynolds, T., Rogers, A. (Hrg.), Routledge 2016.

Klimova, Lena: Krasivyeljudii to, chtoonigovorjat (Beautiful People And The Things They Say To Me), (14.03.2016) URL: https://vk.com/album6184701_214830577.

Ovseenko, Uriy, Nacional’naia ideia Rossii (Die Nationalidee des zeitgenössischen Russlands.), in: Istoricheskaia i social’no-obrazovatel ’naiamysl‘, Moskau 2010. “Putin nazval patriotizm nacional’noi ideei Rossii” (Putin nannte Patriotismus die Nationalidee Russlands.), 03.02.2016 (15.03.2016), URL: https://meduza.io/news/2016/02/03/putin-nazval-patriotizm-natsionalnoy-ideeyrossii.

Pussy Riot, “Chaika” [Video], 03.02.2016. (14.03.2016), URL: https://www.youtube.com/watch?v=VakUHHUSdf8.

Putin, Vladimir, Ansprache im Athos Kloster bei einem Meeting mit Mitgliedern der Heiligen Gemeinde 09.09.2005 (15.03.2016), URL: http://www.pravoslavie.ru/14482.html.

Putin, Vladimir, Nachricht an die Föderationsversammlung12.12.2012 (14.03.2016), URL: http://kremlin.ru/events/president/news/17118.

Zinatulin, Igor, When Russia came out: 10 gay music videos inspired by the fabulous 1990s, In: The Calvert Journal, 2015 (14.03.2016), URL: https://calvertjournal.com/features/show/5102/gay-music-video-Russia-90s.

Abbildungen

Abb. 1 Ausstellungskatalog “55° 45‘ 20.83“ N, 37° 37‘ 03.48“ E Alexey
Beliyaev-Gintovt”, Moskau: Galerie „Triumph”, 2012, S.30.
Abb. 2 http://saint-petersburg.ru/m/spb/old/309710/, Hochgeladen von
Anonymous
Abb. 3 http://www.wonderzine.com/wonderzine/life/life/214067-to-be-is-notthe-
question, Hochgeladen von Olga Strahovskaya
Abb. 4 http://info.sibnet.ru/article/376373/, Hochgeladen von Anonymous

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