Ausgabe 02/2017: Alte und neue Grenzen in Europa

Die Schlussfolgerung der ersten Ausgabe von Ost Journal war, dass dem Begriff Ost-Europas bestimmte feste Vorstellungen anhaften, die stets über eine simple geographische Zuschreibung hinausgehen und oft in die ungünstige Lage versetzen, aus einer Perspektive reiner Negativität und Abwehr Identität und Politik zu definieren. Auch wenn Negativität sonst auch Teil von Identitätskonstruktion ist, so kann man doch feststellen, dass der Rechtfertigungsdruck im Hinblick auf bestimmte Zuschreibungen stärker ausgeprägt ist als der im Hinblick auf andere.

Titelbild Ost Journal 02/2017 „Alte und neue Grenzen in Europa“

Einige der Autor*innen unserer letzten Ausgabe rekurrierten dabei auf postkoloniale Theoreme und stellten z.B. eine Verbindung zwischen der politischen Konstruktion des Orientalismus und der des Balkanismus her. Deutungshoheit ist immer eine Frage der Macht. Ein Rückbezug auf die Historie scheint in der politischen und ideologischen Auseinandersetzung unumgänglich, selten aber ist dieser politisch produktiv. Die Kolonialgeschichte Europas weist nämlich außer- und innereuropäische Tendenzen auf, von denen nicht im Sinne der Historie als einem Vergangenen, sondern als von einem heute noch Nachwirkenden zu sprechen ist. Die einzelnen europäischen Nationalismen scheinen in diesem Zusammenhang auch eine Hierarchie abzubilden, wobei der Fokus in den Medien öfter in den Osten rückt, sich mit alten diskursiven Vorstellungen über Autoritarismus und Totalitarismus paart und damit Phänomene wie den Brexit, den Erfolg der deutschen AfD, die jüngst an den Tag gelegte Polizeibrutalität in Spanien oder Trump´s America aus dem Blick nimmt. Aus diesem Grunde muss das Gespräch über Ost-Europa immer auch eines über andere sein, um nicht den Fehler zu begehen, den Splitter im fremden Auge mit dem Balken im eigenen zu verwechseln. Für uns gilt es aber, der Dorn im Auge im Hinblick auf beide Sichtweisen zu sein.

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In der vorliegenden Ausgabe stellte sich für unsere Autor*innen die Frage, in welchem Maße diese angeblich geographische Bezeichnung Ost-Europas mit einer politischen, sozialen oder ideologischen zusammenhängt und von wem, wie und zu welchem Zwecke sie instrumentalisiert wird. In unserer Aufforderung zur Veröffentlichung im Journal nahmen wir den Begriff der Grenze als Leitmotiv der Analyse. Dabei ist die Grenze im Hinblick auf Nationalstaatlichkeit in einem Deutungskontinuum zu betrachten: von der augenscheinlichen Materialität der Territorialgrenze bis hin zu metaphysischen Ausführungen über die nationale Besonderheit – das eine ist Konkretion des anderen.

Im Zusammenhang mit Grenzen müssen auch Privilegien betrachtet werden, vor allem wenn man von europäischer Freizügigkeit und dem Schengen-Raum spricht: Zwei der Autor*innen der hier versammelten Texte demonstrieren uns eindrücklich, wie z.B. nationale Eliten von bestimmten Grenzziehungen ausgeschlossen werden, die die Mehrheit der Bevölkerung und deren sozialen Status betreffen (Hyseni, Hartmann). Die sozialen Konsequenzen solcher Grenzziehungen werden auch im Zusammenhang mit Polens West- und Ostgrenze erörtert (Barthel). In einem anderen Artikel wird der Ausschluss von Homosexualität in der russischen Gesellschaft in Kunst und Politik zum Zweck der Konstruktion von Männlichkeitsphantasien verwendet, die unweigerlich dem Gesellschaftsmodell des Nationalismus entspringen und Russland in Abgrenzung zu einem angeblich dekadenten Westen positionieren möchten (Shoshanova). Im selben Kontext ist auch die Retraditionalisierung und der Aufstieg des Neuen Konservatismus in Kroatien zu betrachten, wo Frauenrechte durch die erneut entfachte Abtreibungsdebatte und die Gesetzesinitiative zur Wiederherstellung einer viel engeren Familiendefinition gefährdet sind (Jaković).

Doch es gibt auch Gegentendenzen, die laut werden: Die neu entstandene Stadt Słubfurt, ein utopisch-politisches Amalgam aus Frankfurt/Oder und Słubice, will zur Stärkung regionaler und lokaler Identitäten beitragen (Kunath) und ist damit Exerzierfeld der Idee zur Gründung einer Europäischen Republik, wie sie im Bericht über eine Konferenz in Warschau zum Thema europäischer Zukunft präsentiert wird (Kunath). Dass wir trotz der von allen beschworenen europäischen Idee von Utopien reden, zeugt davon, dass wir uns gerade in einer real-existierenden Dystopie befinden. Längst ist eine erneute Normalisierung rechter Diskurse und menschenverachtender Rhetorik zu beobachten, die international mit einer politischen Desintegration einst augenscheinlich stabiler Bündnisse und Werteordnungen einhergeht. Ob diese zum Entwurf einer gerechteren, friedlicheren Welt beiträgt, ist zweifelhaft, denn die Zerstörung zur Bedingung des Neuaufbaus zu machen, wäre im Anbetracht heutiger Möglichkeiten nicht nur unmoralisch, sondern fatal. Ob sie in repetitive Barbarei ausarten könnte, ist dabei nicht mehr eine Frage des Nichtwissens.

Martina Poljak, Chefredakteurin, Berlin/Wien


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Martina Poljak

Stimmen der post-sozialistischen Transformation hörbar machen. Ost Journal feiert Erstveröffentlichung im Bundestag
Stefan Kunath

Armenien kommunistisch, religiös und kontrastiv
Ani Poghosyan

Das Ende der Sowjetgrenzen: Wie eine Generation von Armeniern den Wandel der Grenzen erlebt hat
Hasmik Muradyan

Berg Karabach: Steiniger Weg zum Frieden
Heiko Langner

Was ist neu am Kalten Krieg? Zur Wiederholung geopolitischer Erzählungen in neuen Strukturen und Grenzen
Christoph Creutziger

Fantasien über Gayropa: Kunst und Politik
Saltanat Shoshanova

Die erneut entfachte Abtreibungsdebatte in Kroatien – Ein Kommentar
Doroteja Jaković

Ausgegrenzte Europäer – Kosovo und die EU
Mevlyde Hyseni

 „Auf soziale und wirtschaftliche Fragen braucht es soziale und wirtschaftliche Antworten – aber keinen Nationalismus.“ Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Josip Juratović (SPD)
Martina Poljak

Offene Grenzen? Na logisch!
Stefan Hartmann

Launische Pfade – eine vergleichende Analyse der lokalen Identität an Polens West- und Ostgrenze
Martin Barthel

Republik Polen – Republik Europa? Krytyka Polityczna diskutierte in Warschau neue Europa-Visionen
Stefan Kunath

Buchrezensionen: Denken über die Krise Europas
Stefan Kunath


Illustration Titelbild: Marin Berović, Kroatien

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