Stimmen der post-sozialistischen Transformation hörbar machen

Ost Journal feiert Erstveröffentlichung im Bundestag

Von: Stefan Kunath

Das coole Spielzeug aus der Sowjetunion, Kriegserfahrungen auf der einen Seite, Versöhnung auf der anderen, Minderwertigkeitskomplexe und Alltagsrassismus, die Repolitisierung der Zivilgesellschaft, aber auch der Aufstieg des Nationalismus, das Zusammenwachsen des Kontinents, mit all den Widersprüchen und Ambivalenzen – emsig diskutierten die Podiumsgäste unter der Leitfrage „Was ist Ost-Europa?“ eine ganze Bandbreite an Themen. Eingeladen zur Diskussion im Bundestag am 27.06. hatte das Ost Journal. Den Anlass bot die Veröffentlichung der ersten Ausgabe, die sich mit eben dieser Frage auseinandersetzt.

Transformationserfahrungen in Ostdeutschland und Polen

Bereits in der Kindheit hat sie gemerkt, dass der polnische Blick nach Westen gerichtet sei, erklärt Kamila Schöll-Mazurek. „Menschen, die heute in Westeuropa arbeiten, wird nachgesagt, denen ist etwas gelungen, sie haben es geschafft, aus Polen wegzuwandern. Aber meistens werden diese Menschen extrem ausgebeutet.“ Schöll-Mazurek weiß, wovon sie spricht. Neben der polnischen Migration nach Westen forscht sie zur Transformation von Ostdeutschland und Polen am Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Tatsächlich waren die deutsch-polnischen Beziehungen eines der Haupthemen an diesem warmen Juniabend. Das lag auch an der Teilnahme von Martin Patzelt. Der CDU-Bundestagsabgeordnete war 16 Jahre lang Oberbürgermeister der Grenzstadt Frankfurt (Oder). „Meine Mutter wurde mit ihren sechs Kindern aus Ostbrandenburg – aus der Westmark – vertrieben. Meine Familie hat sich nach dem Krieg in Frankfurt (Oder) niedergelassen. Ich bin dort in den Trümmern aufgewachsen mit dem Rücken zu Polen – die sogenannte ‚Friedensgrenze‘ war ja zu“, erläutert Patzelt, „wir blickten immer mit der Aufmerksamkeit nach Westen. Das habe ich übrigens später in Polen ganz genauso bemerkt.“

„Menschen, die heute in Westeuropa arbeiten, wird nachgesagt, denen ist etwas gelungen. Aber meistens werden diese Menschen extrem ausgebeutet.“

Welche Folgen hat es für die post-sozialistischen Gesellschaften, wenn der Blick stets nach Westen gerichtet ist? „Der Anerkennungsdrang in Polen hört nie auf“, erklärt Schöll-Mazurek, es herrsche die Vorstellung, „die Deutschen machen meistens alles besser.“ Gegenüber Deutschland empfinden viele Polen einen Rechtfertigungsdrang. Hinzu kommt, dass die Migration während der Transformation einen schlechten Einfluss habe: „Viele polnische Migranten kamen aus prekären Arbeitsverhältnissen und können sich in Deutschland oder Großbritannien kaum integrieren. Sie kommen dann nach Polen zurück und sind dann meistens noch radikaler.“ Patzelt vergleicht die Situation mit Ostdeutschland, nur seien die Schwierigkeiten in Polen noch heftiger gewesen. Zwar gab es nach der Wende Aufsteiger, doch wie bei jedem Aufstieg könnten nicht alle mithalten. „Man muss verstehen, dass sich viele Menschen in Polen durch die rasante politische und ökonomische Entwicklung abgehängt fühlen – und das sprechen Kaczyński und seine regierende Partei an.“

Als Lösung plädiert Patzelt für kontinuierlichen Dialog auf Augenhöhe und Respekt vor demokratischen Entscheidungen. Zugleich müsse die EU aber auch Grenzen markieren. „Es hilft nicht, wenn wir sie belehren wollen. Es hilft nur, wenn wir kontinuierlich im Gespräch bleiben,“ sagt Patzelt an diesem Abend, der als Mitglied der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe mehrmals die Möglichkeit hatte, mit Politikern und Wählern der Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) zu reden.

Westliche Bevormundung

Dialog auf Augenhöhe und gegenseitiger Respekt, davon kann Martina Poljak nicht berichten. Ihre Kindheitserfahrungen sind von verschiedenen Diskriminierungen geprägt. Poljak ist Chefredakteurin beim Ost Journal und wurde in Jugoslawien geboren. Sie hat keinen Bezug zu Ost-Europa, wie sie gleich zu Beginn der Diskussion erklärt, eher zu Südost-Europa. Und dieser Bezug ist geprägt durch Kriegserfahrungen. In den 1990er Jahren wuchs sie dann in Wien auf. Dort wurde sie zum ersten Mal mit ihrer eigenen Identität konfrontiert. „Meine Selbstwahrnehmung war eine aufgezwungene Fremdwahrnehmung“, schildert Poljak, „ich habe als Kind gelernt, dass ich mit meiner Herkunft weniger Wert bin als die Wiener.“ Anekdotenhaft schildert sie ihre Erfahrungen in Wien: Ob es auf dem Balkan Strom und Schuhe gegeben habe, wurde sie gefragt. Für viele Menschen in Wien sei der Balkan der Orient Europas. „Der französische oder der amerikanische Akzent eines Ausländers wird als eine liebliche Sache wahrgenommen. Aber wenn ein slawischer Akzent dazukommt, haben viele gleich Bilder von Kriegsstämmen im Kopf“, schildert Poljak ihre Eindrücke. Viel hat sich seit der Zeit in Wien nicht geändert. Auch nicht in Berlin. Abwertende Reaktionen gebe es auch im Bundestag, wo Poljak zurzeit hauptberuflich arbeitet.

Von einer ähnlichen Geschichte erzählte an diesem Abend Oleksandra Bienert. Die ukrainische Historikerin und Menschenrechtsaktivistin berichtet von einer Begegnung an der polnisch-ukrainischen Grenze. Dort fragte sie ein deutscher Autofahrer, ob er nun in Russland sei. „Für mich ist es sehr schmerzvoll zu sehen, wie die Ukraine immer wieder vom europäischen Diskurs ausgeschlossen wird“, kritisiert Bienert. Sogar nach den Protesten auf dem Majdan gibt es kaum Korrespondenten, die direkt aus der Ukraine berichten. Viele seien in Moskau oder in Polen tätig.

„Ost-Europa soll nicht länger ein blinder Fleck sein.“

Wie sehr die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland von Ambivalenzen geprägt sind, führt Bienert an diesem Abend eindrucksvoll aus. Das betrifft nicht nur die Politik und Geschichte beider Länder. Die Verbindungen reichen tief in die persönliche Familiengeschichte hinein: „Ein Teil meiner Familie diente in der Roten Armee. Ein anderer Teil meiner Familie landete im Gulag oder wurde erschossen.“ Für Bienert ist die Auseinandersetzung mit Ost-Europa deshalb mit der Vorstellung verbunden, die politischen und familiären Lücken in der Erinnerung zu schließen. „Ost-Europa soll nicht länger ein blinder Fleck sein.“

Bienert berichtet an diesem Abend von lokalen zivilgesellschaftlichen Projekten. Der erwirtschaftete Gewinn geht an lokale Stadtprojekte. Auch erfährt die LGBT-Community in der Ukraine langsame, aber stete Unterstützung. Außerdem berichtet Bienert von zivilgesellschaftlichen Komitees. Sie überprüfen Richter und Staatsanwälte auf korruptives Verhalten in der Vergangenheit. „Durch die Erfahrungen in der Sowjetunion war das Vertrauen der Menschen untereinander zerstört. Mit den Majdan-Protesten hat sich die Gesellschaft repolitisiert.“ Doch der Krieg in der Ukraine hat seinen Schatten: „Es ist viel schwieriger geworden, kritisch über die eigene ukrainische Geschichte zu schreiben. Wer das tut, wird schnell als Kreml-Agent gebrandmarkt.“

Aufstieg des Nationalismus

Der Aufstieg des Nationalismus, so viel wird an diesem Abend klar, ist kein spezifisches Problem der post-sozialistischen Regionen. Gleichwohl gibt es spezifische Entwicklungen, die mit der Transformation verbunden sind.

In der Schlussrunde übt Martina Poljak dann auch grundsätzliche Kritik am Transformationsdiskurs. In Europa sei die Aufklärung entstanden, doch das koloniale Erbe werde verdrängt – mit fatalen Folgen: Immer wieder trifft sie auf die Vorstellung, dass der Osten vom Westen lernen müsse, wie Demokratie funktioniert. „Die post-sozialistischen Gesellschaften haben sich selber befreit“, betont Poljak. Allerdings bevormunde der vorherrschende Diskurs die post-sozialistischen Gesellschaften. „Wer als Arbeitsmigrant aus Ost-Europa nach West-Europa kommt, arbeitet meist für einen billigen Lohn. Das tun sie aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen, weil sie glauben, dass sie in ihren eigenen Ländern gescheitert sind.“ Der Osten sei nun der Vorreiter einer Entwicklung, die auch im Westen immer deutlicher wird. Die Illusionen und Versprechungen des Westens werden nicht mehr geglaubt, weil die Realität eine andere ist. Der Westen droht sich mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus selbst zu zerstören, so Poljak. Symptomatisch dafür steht die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA.

„Der französische oder der amerikanische Akzent eines Ausländers wird als eine liebliche Sache wahrgenommen. Aber wenn ein slawischer Akzent dazukommt, haben viele gleich Bilder von Kriegsstämmen im Kopf.“

Auch Mazurek-Zöll und Patzelt erinnern an diesem Abend daran, dass die Transformation tiefgreifende Spuren in den post-sozialistischen Gesellschaften hinterlassen habe. Anders als Poljak gehen sie aber nicht ins Grundsätzliche. Ihre Ausführungen sind eher pragmatisch: Die erzeugten Unsicherheiten könnten nicht von einem auf den anderen Tag aufgelöst werden. Die Flüchtlingskrise habe die Unsicherheit nochmals verschärft. „Wie kann man so große Sprünge und die Unsicherheiten vermeiden, welche die Transformation ohnehin schon ausgelöst hat?“, fragt Schöll-Mazurek – und antwortet selbst: „Wir haben die Aufgabe nicht erfüllt, noch stärkere zwischenmenschliche Kontakte zu schaffen.“ Viele Menschen in Ostdeutschland und Polen fühlten sich angesichts der Flüchtlingskrise ein weiteres Mal überfordert. Patzelt plädiert deshalb dafür, dass die Mitgliedstaaten der EU den Flüchtlingsstrom endlich unter Kontrolle bekommen müssten. „Die Flüchtlingskrise sorgt für eine starke Polarisierung – und das bereitet mir Sorge“, so der CDU-Bundestagsabgeordnete.

Ost Journal: Dialog auf Augenhöhe

Trotz der unterschiedlichen Ursachen für den Rechtspopulismus fand das Podium dann doch einen gemeinsamen Nenner: „Wir müssen aufhören mit dem Helfersyndrom“, dafür plädiert Oleksandra Bienert, „und anfangen, ost-europäische Zivilgesellschaften auf Augenhöhe zu betrachten.“ Wenke Christoph, die den Abend moderierte, lobte deshalb das Ost Journal auch für die „meinungsstarken Texte aus Ost-Europa über Ost-Europa.“ Tatsächlich ist es das Anliegen der Redaktion, die Stimmen der jungen Generation aus der post-sozialistischen Transformation hörbar zu machen.

Das ist an diesem Abend gelungen. Und es soll nur der Anfang sein.

Fotos: Polina Spartyanova, Ost Journal

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